Freunde

Hallo. Mein Name ist Anne und ich bin ziemlich genau 30 Jahre alt. Seit etwa 23 Jahren mache ich mir Gedanken über Freundschaft, Loyalität und Gerechtigkeit und verzweifele an Menschen. Glaube und vertraue und bin oft enttäuscht.

Freundschaft ist nicht „Dasein, wenn man darum gebeten wird“, sondern „Rüstung überwerfen und kämpfen, besonders dann, wenn es niemand verlangt“. Freundschaft bedeutet Zuhören und Dasein, auch, wenn man etwas einmal nicht versteht. Die Hand auch halten, wenn sie zittert, und das schwarze Gedankenloch mit Zusammenhalt füllen.

Freundschaft bedeutet ein Miteinander ohne Wenn und Aber. Freundschaft ist wie Familie, nur selbst ausgesucht. Und deshalb so kostbar. Und selten.

Danke dir.

Und dir.

Und dir.

Fertig.

“Zieht die Mauer wieder hoch…”

Guten Tag. Ich bin 30 Jahre alt und mein Name ist Anne. Ich hätte aber genauso gut Mandy heißen können, oder Sindy, oder Denise. So heißen dort, wo ich geboren bin, nämlich alle Frauen. Die Männer heißen Ronny, Maik oder Rico und alle essen gerne Würzfleisch, Soljanka und Nudossi.
Ich komme aus dem Osten.
Im Osten, und das weiß ja mittlerweile jeder, mussten sich die Menschen nach dem Fall der Mauer erst einmal daran gewöhnen, ordentlich zu arbeiten. Und kaum hatten sie das gelernt, wollte sie keiner mehr. Deswegen beschweren die sich jetzt auch alle, das ist ja klar. Das obligatorische und inzwischen schon sichtbar ausgeblichene Honecker-Bild hängt seit dem Fall der Mauer nicht mehr im Flur, sondern unter dem Sofa, und das abzustauben ist wirklich anstrengend und zieht im Rücken. Kein Wunder, dass die dort im Osten alle immer so schlechte Laune haben. Und wer ständig schlechte Laune hat und meckert, ist ein prima Nährboden für die leeren Parolen der Glatzentypen mit den hochgekrempelten Hosen, das weiß man ja.
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Dass Dortmund ein mindestens ebenso großes Naziproblem hat wie Dresden, tut da nichts zur Sache. Und überhaupt ist Dortmund irgendwie ja auch Osten. Von Amsterdam aus gesehen, wenn man Richtung Dänemark guckt.
Ich habe übrigens später auch mal in Unterfranken gewohnt. Dort treffen sich jährlich Unmengen Altnazis zum Fachsimpeln und zum Hochhalten der guten, alten Zeit. Die haben aber gar keine Glatzen und sind daher nicht so richtig medienwirksam. Und außerdem ist Unterfranken ja auch Osten. Wenn man in Frankreich sitzt und Richtung Nordpol guckt.
Sie kennen die Nachrichten, Sie haben alle schon gehört von Solingen, Mölln, Duisburg und München, und Sie können sich hier mal die Verteilung von Nazi-Aufmärschen in Deutschland visualisieren lassen: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/568320/Sehen-wo-die-Nazis-aufmarschieren
Ich wohne seit 16 Jahren im Westen. Dass Aussagen wie „Zieht die Mauer wieder hoch“ statt des zu erwartenden Shitstorms auf Twitter aber Favstar-Sterne nach sich ziehen, macht mich immer noch enttäuscht und wütend.
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Das ist Stammtischniveau. Genauer gesagt ist das nur Stammtisch, vielleicht auch Untermstammtisch, jedenfalls kein Niveau. Menschen ihrer Herkunft wegen zu verurteilen, alle in einen Topf zu werfen, und sei es nur der Polemik wegen und „gar nicht so gemeint“, ist genau das NPD-Gedankengut, was Sie sonst alle so pflichtbewusst anprangern.
„Zieht die Mauer wieder hoch“ ist „Ausländer raus“ innerhalb Deutschlands.
Denken Sie da mal drüber nach, bevor Sie das nächste Mal Ihren Stern an so eine gequirlte Scheiße pappen.
Danke.

Der Blockwart und das selbst gewählte Umfeld.

Ein Pamphlet über Befindlichkeiten.

 

Sich nach Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, erfordert unter Umständen einiges an Anstrengung. Man geht am Dienstagmorgen mit den Kleingeldrentnern in den Supermarkt, fährt zwei Bahnen zu früh zur Arbeit und wäscht sein Auto mitten in der Nacht im Hausflur, um Situationen zu vermeiden, bei denen man sich zufällig über den Weg laufen könnte.

Zum Glück gibt es jetzt Twitter. Hier kann man sich mit einem einzigen Klick auf “Diesen User blocken” lästiges Nachdenken ersparen und Menschen aus dem Sichtfeld verbannen, die einem nicht in den Kram passen. Die Zeug schreiben, was einem nicht gefällt oder einen an Dinge erinnern, die man lieber schnell vergessen will.

Aber Hand ins Herz…  so richtig fair ist das nicht. Da draußen erschießt ihr doch auch nicht jeden, der euch auf die Nerven geht. (Auch, wenn man sich manchmal inniglich wünscht, das ginge, das gebe ich zu.) Oder sperrt die Menschen in eine Holzkiste, die euch ein blödes Gefühl im Bauch machen.

“Das ist aber mein Twitter und da entscheide ich selbst, wen ich lese!”.  – Ja, das ist völlig richtig. Dafür hält Twitter die wunderbare Entfolgen-Funktion bereit. Ein Klick, zack, weg. Ihr bekommt keine DMs mehr und müsst das geistige Erbrechen nicht mehr lesen. “Dann wird mir der Rotz aber trotzdem in die TL retweetet!” – So!? what!? Übergebt ihr euch auch immer gleich, wenn ihr jemandem auf der Straße über den Weg lauft, der euch nicht passt?

Seien wir doch mal ehrlich: Kleinere Accounts kann man mit der Entfolgen-Funktion recht zuverlässig aus der Timeline fernhalten und an den großen kommt man auf Dauer sowieso nicht vorbei.

“Versteh‘ ich immer noch nicht, ich blocke wen und wann ich will, das ist MEIN Twitter und basta!” – Ja, ja, schon richtig. Einmal tief in die Papiertüte atmen und noch mal reinkommen, ja? Man kann, wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat, auch mal darüber nachdenken, wie sich der Geblockte damit fühlt. “Is mir doch scheißegal!”  – Ja, genau. Das hab‘ ich vermutet. Aber ich verrate euch jetzt mal was. Grundlos geblockt werden fühlt sich scheiße an, besonders, wenn man sich persönlich kennt. Es ist kein “Komm, lass uns getrennte Wege gehen”, sondern eine Ohrfeige und ein hinterher gerufenes “Und jetzt verpiss dich, bitch!”. 

Einige von euch kennen vielleicht dieses Gefühl, was einem den Rücken runterkriecht, wenn man merkt, dass man von Leuten geblockt wurde, die man kennt, ohne, dass man sich daneben benommen hätte. Nur, weil es mal irgendwo schwierig war. Das Herz schlägt ein bisschen schneller, die Kinnlade knallt auf den Boden (das tut weh und sieht auch noch ziemlich scheiße aus) und die Augen kriegen Untertassenformat. So kann man natürlich mit Menschen umgehen. Muss man aber nicht.

Die Blocken-Funktion versteht sich für mich als Notfall-Button. Für Accounts, die trotz aller “Bitte lass das!”- Aufforderungen und geduldiger Ignoranz nicht aufhören, ätzende Mentions zu schreiben. Und mir fällt beim besten Willen keine andere Verwendung ein.

Grundloses Blocken ist feige und ungerecht und tut weh. Bitte überdenkt also eure Blocks wenigstens einmal kurz, bevor ihr das Knöpfchen drückt. Aus Rücksichtnahme auf die Gefühle der Anderen. 
“Ist das jetzt wirklich nötig oder reicht Entfolgen vielleicht doch?”.
 
Das wäre ganz herzallerliebst.
 
Danke.

Ja, so sprechen Sie doch!

Wisst ihr noch, damals, als ihr im Kinderwagen lagt und draußen Herbst war, die bunten Blätter so lustig bunt an eurer Nasenspitze vorbeischwebten und ihr Spuckeblasen blubbernd glückselig in eure Stoffwindel pinkeltet? Das war ein bisschen nett und irgendwann, denn es war ja schließlich Herbst, auch ein dickes bisschen kalt. Die Brabbellaute wurden missmutiger und steigerten sich in ihrer Frequenz proportional zum Unwohlsein. Ihr fuchteltet wild mit den befausthandschuhten Fingerchen, zappeltet aufgereget mit den besteppdeckten Füßchen und sagtet irgendetwas wie „UÄH! ÄÄÄH!“. Es beugte sich ein liebevoll und etwas besorgt dreinblickender Kopf über den Kinderwagen, machte ein paar Grimassen und steckte euch ein kaltglibberiges Gummiding zum Warmlutschen in den Mund. Eure Windel war aber immer noch nass, das Gummiding im Mund schmeckte scheiße und ihr sagtet etwas in der Art wie „UUÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!“. Da tauchte er wieder auf, dieser liebevoll besorgte Kopf über dem Kinderwagen, streichelte euch über das bestrickmützte Köpfchen und irgendeine Hand fing an, den Kinderwagen immer wieder vor und zurück zu schieben. Vor und zurück, die Räder ächzten, vor und zurück. Die kalte Windel scheuerte am Arsch, das Gummiding im Mund war jetzt warm, schmeckte aber immer noch nach nix und zu allem Übel fing der liebevolle Sorgenkopf überm Kinderwagen jetzt auch noch an zu singen.

Buchstaben… Worte… Sätze… eine Wunderwelt. Was hätte man damals dafür gegeben, sich äußern zu können.

Und heute? Heute habt ihr alle Buchstaben und Worte der Welt und eine schier überwältigende Vielfalt an Mitteilungswegen. Aber die Gefühle werden kalt und die Gedanken scheuern das Hirn wund und ihr? Sagt nix. Weil ihr mehr Zeit braucht. Weil ihr auch nicht so richtig wisst. Weil ihr Angst habt oder keine Ahnung, wie ihr anfangen sollt. Weil ihr auf den richtigen Zeitpunkt wartet oder auf das richtige Wetter. All das verschwimmt zu einem Brei verpasster Gelegenheiten und wer weiß schon, was alles möglich wäre, würden Menschen endlich anfangen, miteinander zu kommunizieren.

Also macht um Himmels Willen endlich euer Maul auf und

REDET MITEINANDER.

Zwischen Nichts, Sand und Sehnsucht

Der weiße Raum hat vier Fenster, an jeder Wand eines. Große Fenster mit weißen Holzrahmen, deren Lack an einigen Stellen schon leicht abblättert, und ich habe keine Ahnung, wie ich hier hergekommen bin.

Die Fenster sind alle einen Spalt weit geöffnet, die bodenlangen Gardinen sind durchsichtig, und dennoch kann ich nicht erkennen, was da draußen ist und, ob da überhaupt etwas ist. Ein lauer Wind spielt mit dem Vorhangstoff, trägt jede Frage fort und ich glaube, irgendwo Wasser rauschen zu hören. Es könnte aber genauso gut Autolärm einer entfernt gelegenen Landstraße sein. Alles scheint hier irgendwo zusammenzufließen. Der Wind, das Rauschen, die langen, roten Haare dieses Mädchens…

Sie sitzt auf dem weißen Sofa in der Mitte des Raumes, krallt ihre Hände ins Polster, zupft mit ihren Zehen verlegen an den weißen Teppichfransen, blickt zu mir auf, lächelt und sagt „Na?“. Sie trägt ein weißes Kleid, welches ihr bis über die Knie reicht, und weiße, dicke Wollsocken mit diesen groben Maschen, wie Omas sie stricken.

„Na…“ sage ich und frage sie, ob ihr nicht zu warm ist in diesen dicken Strümpfen. „Ich muss oft leise sein.“ sagt das Mädchen und kaut auf einer rotgelockten Haarsträhne herum. „Dein Zimmer hat keine Tür!“ bemerke ich und sie schmunzelt. „Weil ich keine brauche.“ Plötzlich springt sie auf, klatscht mit der linken Hand auf ihre Stirn, lacht laut und ruft „Oh Gott, ich bin eine ganz fürchterliche Gastgeberin! Du stehst ja noch immer, bitte, nimm doch Platz, komm, setz dich!“. Ich lasse mich an den Rand des Sofas plumpsen, gucke an mir herunter, auf meine Jeans und die schon etwas abgetragenen Sneakers, und fühle mich ganz fehl am Platz mit meinen Farben, in diesem Raum aus Licht und Luft. Sie läuft auf dem weißen Teppich vor dem Sofa auf und ab, ganz behutsam und bedächtig, setzt präzise einen Fuß vor den anderen, zuerst die gestreckten Zehenspitzen, dann den Fußballen, zum Schluss die Ferse, mit höchster Konzentration, Schritt für Schritt.

Ich blicke auf den mit Büchern gefüllten, weißen Pappkarton neben dem Sofa. Die Einbände der meisten Bücher sind weiß, es befinden sich nur wenige eierschalenfarbene darunter. Die Buchtitel sind mit goldenem Garn aufgestickt und scheinen in einer mir völlig fremden Sprache verfasst, ich kann keinen einzigen Buchstaben erkennen. Ich greife nach einem mittelgroßen, mitteldicken Buch, lege es auf meine Oberschenkel, fahre mit den Fingerspitzen behutsam die goldenen Schriftzeichen nach und schlage das Buch auf. Es ist leer. So, wie alle anderen Bücher in dieser Kiste. Ich starre auf die blütenweißen Seiten und denke gar nichts. Alles ist still. Ich weiß nicht, wie lange.

Als ich wieder aufblicke, läuft das Mädchen immer noch bedächtig auf und ab und setzt einen Fuß vor den anderen, als vermesse sie heiliges Land. „Was ehm… tust du da?“ frage ich skeptisch. Sie blickt nicht von ihren Fußspitzen auf, um mir zu antworten. „Ich tue weh.“

Mein Gesichtsausdruck muss dem eines kleinen Kindes ähneln, welches zum ersten Mal ein Chamäleon die Farbe wechseln sieht. „Wie bitte, was? Wenn dir das weh tut, wieso setzt du dich dann nicht einfach wieder hin? Schau, hier ist doch noch Platz!“. Sie läuft weiter auf und ab, hin und her, schweigend, konzentriert, und wirkt abwesend.

Ich stehe auf, gehe leise zum Fenster und schiebe die Gardine ein wenig zur Seite, um erkennen zu können, wo ich hier bin. Diesen Raum, ich kann es nicht einmal Haus nennen, umgibt heller, fast weißer Sand. Sand ohne eine einzige Fußspur, ohne einen einzigen Käferbeinchenabdruck. Dahinter ist weißes Nichts. Ich kann nicht weiter als zwanzig Handbreit sehen. Ein einziges, großes Nichts, das sich wie ein Nebelschleier um diesen Raum legt. Ich gehe zum nächsten Fenster, aber auch hier ist die Aussicht die gleiche. Spurenloser Sand. Sand und gedämpftes Nichts. Mein Herz schlägt schneller, als ich bemüht gefasst zu den zwei anderen Fenstern laufe und mich davon überzeuge, dass auch diese keinen anderen Ausblick zeigen.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin, wundere mich aber darüber, dass ich weder Durst, noch Hunger verspüre. Draußen bäumt sich der Wind auf und öffnete die Fenster vollständig. Das Mädchen geht nun schneller, aber mit mindestens ebensolcher Konzentration wie zuvor. Einen Fuß vor den anderen. Noch schneller. Sie wirkt wie ein weißer Tiger auf der Pirsch, bleibt plötzlich kurz vor mir stehen, sieht mich mit einem Eiswürfelblick aus ihren waldwiesengrünen Augen an und diese Augen sagen „Stör‘ mich jetzt bloß nicht!“ unmissverständlicher, als es Worte je könnten. Obwohl ihre Schritte immer energischer werden, ist sie nicht zu hören. Sie marschiert tonlos. Nur ein Lufthauch ist spürbar, wenn sie an mir vorbei läuft. Ein Lufthauch, der mich trotz der sommerabendmilden Temperaturen ein wenig frösteln lässt.  Sie stampft mit einem Bein auf den Boden wie ein wütendes Kind, beißt sich auf die Unterlippe, rauft sich die Haare und erinnert mich ein wenig an Rumpelstilzchen, so dass ich ein Kichern unterdrücken muss. Aber sie scheint mich ohnehin nicht wahrzunehmen, beginnt, sich schneller und immer schneller im Kreis zu drehen und gleitet in eine Welt, die noch weiter weg scheint als diese hier.

Sie prallt mit ihrer Schulter gegen die geöffnete Fensterscheibe, ächzt, taumelt, dreht sich, schlägt den Kopf gegen die Wand, wieder und wieder, guckt irre und ich bekomme Angst. Um sie, um mich, und Angst vor allem. Ich will sie festhalten und  vor sich selbst beschützen, doch ich greife nicht schnell genug zu. Sie lässt sich durch meine Hände auf den Boden gleiten und wälzt sich hin und her. Ihre roten Locken hängen wirr über ihr Gesicht und die grünen Augen funkeln unruhig durch das Haargestrüpp, ohne einen Punkt zu fixieren. Sie schreit, überkreuzt die Arme vor ihrer Brust, windet sich und gräbt ihre Fingernägel tief in ihre Schultern. Wie angewurzelt stehe ich auf dem weißen Teppich, wie ein Tomatensaucenfleck auf einer weißen Bluse. Und ich bin ähnlich ratlos. „Oh Gott, denk nach, denk, jetzt denk, verdammt noch mal, schon nach und tu was!“ sage ich zu mir, oder vielleicht denke ich es auch nur, ich weiß es nicht genau. So, wie ich überhaupt gar nichts mehr weiß, seitdem ich hier bin, in diesem Raum aus Licht und Luft. Sie schreit. Mein Herz schlägt gegen ihr Gebrülle an, durch meine Ohren rast Blut und ich höre sie kaum noch, weil meine Angst lauter ist. Sie rast. Ich weiß nicht, warum und will es plötzlich auch gar nicht mehr wissen.

Sie bleibt auf dem Bauch liegen, zieht ihre Knie unter sich bis zur Brust, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und seufzt. Ihr Körper wirkt schlaff wie ein frisch gewaschenes, nasses Plüschtier. Ich hocke mich neben sie, lege meine Hand zwischen ihre Schulterblätter und frage leise „Was… was… war das?“. Sie erhebt sich ganz langsam, geht mit zaghaften Schritten im Raum umher, als traue sie ihren eigenen Füßen nicht, und schließt drei der vier Fenster. „Ich… habe weh getan“. Sie setzt sich im Schneidersitz vors Sofa und lässt ihren Kopf nach hinten auf das Sitzpolster fallen. „Dir, vielleicht. Oder irgendwem anders.“

„Weißt du…“, sie starrt an die Decke, „… die meiste Zeit sitze ich ziemlich still da. Blättere in meinen Büchern, mache mir Gedanken, sehe nach draußen und atme Wind. Aber manchmal muss ich das hier tun. Zeigen, dass ich da bin…“

Ich halte die Luft an. „Wer…“

„Sehnsucht, Schätzchen. Ich bin die Sehnsucht.“

Sie zündet sich eine Zigarette an und formt mit ihren Lippen weiße Rauchringe, die sich nur millimeterweise weiter bewegen, weil die Luft still zu stehen scheint. Ich gehe ans Fenster, schaue ins Nichts und glaube plötzlich, etwas darin erkennen zu können.

Man probiert so vieles aus.

Scheitel links, Scheitel rechts, Balsamico zu Erdbeerspargel, das frische Sommergrün für den Flur, Bratwurstgrillen im Winter, ui, das Pünktchen-Top zum neuen Gefühl. Nachts durch den Tunnel, singend gegen diese dumpfe Angst.

Man probiert einfach so ein bisschen herum und lernt ein bisschen dazu. Kann man ja vielleicht noch mal gebrauchen, vielleicht wenigstens als kunterbuntes Partywissen oder zum Weitergeben an die Kinder der Meerschweinchen, wer weiß das schon.

Try and error.

Die Zeit läuft gar nicht schneller, wenn man sie schüttelt und Wäsche wird nicht sauber, wenn man die Waschmaschine nicht anschaltet. Sie stinkt dann nur etwas mehr. Muss man ja alles mal ausprobiert haben. Kann man ja schließlich alles mal machen.

Und dann sitzt man da. Abends. So herum. Mit sich. Und seinem Herzen, einem Kaltgetränk und ein paar halbgaren Erfahrungen. Die Sterne purzeln bunt durcheinander und das kommt vielleicht davon, dass es schon das zweite Kaltgetränk ist, oder das dritte, aber junge Erfahrungen müssen ja auch schwimmen lernen, das weiß ja jeder.

Und dann klopft’s von irgendwoher, vielleicht von links, und einer guckt um die Ecke und sagt „Du machst, dass ich wieder fühle, dass ich lebe.“ Und dann … passiert etwas. Dann fällt nämlich  das Kaltgetränk um (Schon wieder!) und das klingt in etwa wie ein „Klonnggggg“ und wiederholt sich, nachdem anschließend der Unterkiefer auf die Balkonbodenfließen knallt.

Und dann… dann wird es ganz still.

Es ist nämlich folgendermaßen: Mit dem Leben und den Menschen verhält es sich wie mit Biermixgetränken.  Man muss gar nicht alles ausprobiert haben. Wirklich nicht. Man kann sich auch einfach mal zurücklehnen und wissen, dass es richtig ist.

Wer hier wohnt, darf bleiben

Es ist viel zu kalt für Ende März, das sagen alle. Aber es ist Sonntag, die Sonne scheint, hier drin ist es warm und riecht nach Kaffee und wenn man die Augen schließt, klingt der Eiswind wie Urlaub.

Die Musik macht, dass ich Herzzittern habe und es fühlt sich an, als kippe jemand heißen Honig über die wunden Stellen der letzten Zeit.

Hier drin… das ist da, wo es nie so richtig aufgeräumt ist. Weil mir Wohnungen Angst machen, in denen es aussieht wie in den Ausstellungsräumen von Hülsta. Weil mir Menschen Angst machen, deren Herzen so aufgeräumt aussehen wie die Plastinate von Hagens.

Ich bin in Worten zu Hause. In Umarmungen, Bildern, Musik und im Meerwind. Mein Herz ist ein Studentenwohnheim. Der Putz bröckelt, im Treppenhaus riecht’s nach Bier, Parfüm und kaltem Rauch und an den Wänden stehen Dinge wie „Ich war hier“, „Claudius ist doof“ und “Leben ist, was du draus machst”. Das lesen aber nur die wenigsten.

Die Eingangstür ist kaputt, im Winter zieht’s immer ein bisschen rein, aber die Heizung auf den Zimmern funktioniert, abends gibt’s heiße Suppe und durch die großen Fenster kann man die Stadt leuchten sehen. Die meisten kommen mit ‘nem Rucksack, bleiben ein bisschen und machen die Nächte hell und laut und bunt. Und dann gehen sie wieder. Weil sie nicht mehr bleiben wollen. Oder rausfliegen. Oder einfach, weil alles zu Ende gedacht wurde und das Leben anderswo anders weitergeht.

Wenn man durch den langen Flur mit der altersschwach flackernden Neonleuchtröhre geht, kommt man hinten rechts zu einer großen Tür mit der Aufschrift “Privat”. Eine von diesen Türen, durch die man nur die Umrisse dessen sehen kann, was dahinter geschieht, weil sie aus Ornamentglas ist.  Hierhin kommen ganz selten neue Menschen. Hier wohnen der Hausmeister und die Dame von der Verwaltung. Und ein paar andere Leute, die zufällig vorbeikamen und sich einfach so entschlossen haben, zu bleiben. Wer hier mal wohnt, geht nicht mehr so ganz. Und wer dennoch geht, behält sein Zimmer. Vielleicht streich’ ich’s nur mal um, weil mir die Farbe nicht mehr gefällt. Oder hänge neue Vorhänge rein.

Neongrau.

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Ein Wochenende ist immer viel zu kurz, weil es, genau genommen, nur einen Tag, ein bisschen Schlaf und ein paar Herzschläge dauert.

Der Bus rollt leise durch die Pfützen an die Haltestelle, die Türen öffnen sich mit einem leisen Zischen und das Absenken der Einsteigeseite klingt genau wie das Seufzen in meinem Kopf. Oder in meinem Herzen, aber so genau lässt sich das nicht lokalisieren. Ich steige ein, stolpere unelegant über die Füße eines dickbauchigen Bildzeitungsherren und setze mich auf den letzten, freien Platz, der nicht mit den Resten der vorigen Nacht beschmiert ist. Die trockene Busheizungsluft strömt unangenehm von unten ins Gesicht, sorgt aber wenigstens dafür, dass sich der Kloß im Hals irgendwie erklären lässt.

“Zu Hause ist da, wo das Herz ist.“ sagen sie. Sogar meine kleine Lieblingsomi sagte das schon, und die wusste viel. Wie man den besten Gulasch macht, Mützen strickt und dass guter Kaffee Leben rettet. Wohl aber nicht, dass Stadtbusse genau wie Abschiede stinken.

Der korpulente Bildzeitungsherr raschelt mit seinem engagierten Umgeblättere gegen die Gedanken in meinem Kopf an und ich wünsche mir, dass diese Haltestellenansagedame doch auch mal kichernd etwas Nettes sagen könnte. So was wie “Haben Sie einen tollen Tag.“, “Immer schön durchhalten!“ oder “An der nächsten Haltestelle gibt’s Kekse.“. Stattdessen sagt sie “Nächster Halt: Hauptbahnhof. Endstation. Bitte alle aussteigen.“ und ich flüstere ein trotziges “Schmöschte aber nischt!“ in meinen viel zu langen Schal. Türzischen, Absenkeseufzen. Die Menschen wabern vom Drinnengrau ins Draußengrau, schauen auf den Boden und stellen ihren Mantelkragen auf.

Zuhause… Das ist immer da, wo es Bier gibt, warme Vanillesoße und warme Worte. Eine warme Decke, eine Umarmung und einen Kuss.

Rolltreppen hoch, festhalten, nicht denken, nicht!
“Auf Gleis 12 fährt ein…“ Es riecht nach Abschied, sonntags auf Bahnhöfen. Menschen halten erst sich fest und danach ihren Kaffee. Vielleicht der Restwärme wegen. Und vielleicht erklärt das auch, weshalb die Kaffeebecher ja immer riesiger werden.
Der Zug bremst, quietscht, hält. Ein letzter, suchender Blick zurück, die Türen öffnen sich, ich schiebe mich vorbei an Rollkoffern, Seesäcken und der obligatorischen Pudelrentnerin und suche meinen Platz. “Irgendwie metaphorisch“, schmunzele ich, ziehe meine Jacke aus und halte mich an meinem Handy fest, auf dessen Display gerade ein Herzchen aufploppt.
Da, wo das Herz ist…

Manchmal, ganz kurz, ist ein ICE-Sitz vielleicht auch ein Zuhause.