Die Suche nach dem Grund

Wenn schlimme Dinge passieren, neigen wir Menschen häufig dazu, ein Warum zu suchen. Und begeben uns auf dieser Suche viel zu oft auf einen Weg, der bei uns selbst endet.

Es ist meine Schuld.

Ich hab’ zu viel dies und zu wenig jenes. 

Ich hätte besser…oder lieber einmal mehr nicht.

Ich glaube… das ist oft nicht nötig. 

Wir leben in einer Gesellschaft, die glaubt, alles selbst in der Hand zu haben. Den beruflichen Werdegang, die eigenen Beziehungen, die eigene Gesundheit, die Natur. Möglicherweise haben wir einfach vergessen, dass gar nicht alles in unserer Macht liegt. 

Ich stelle mir das so vor, dass ich jeden Tag eintausendfünfhundert Zettel in genau der Mitte zerreißen müsste. Mindestens jeder zwanzigste wäre schief. Nicht, weil ich mich nicht genügend konzentriere oder man mir zu wenig Kaffee bringt. Sondern einfach so. Weil es eben so ist. Weil Dinge schief gehen. Oder einfach nicht so laufen, wie wir uns das wünschen. Ganz einfach so. Und niemand kann etwas dafür.

Vielleicht fange ich aber auch einfach ganz woanders an. 

Ich war 12, als ich zum ersten Mal mitbekam, dass mit meiner Mutter etwas nicht stimmt. Sie war oft traurig, niedergeschlagen und müde. Dort, im Wohnzimmer meines Elternhauses, begann für mich die Suche nach der eigenen Schuld.

Meine Mutter ist schwerst depressiv. Sie hat nicht diese Art Depression, die durch eine Überlastung oder ein schlimmes Erlebnis entsteht und behandelbar oder in den Griff zu bekommen ist. Sie ging anfangs zu allen möglichen Ärzten, wurde auf alle möglichen Arten behandelt und statt besser wurde es immer schlimmer. Es war nicht erklärbar, nicht fassbar und für ein pubertierendes Kind letztendlich vor allem… eine Frage der Schuld. Sie konnte nicht erklären, was sie hat. Und ich dachte, wenn ich nur besonders lieb bin, wird vielleicht alles wieder besser. Dann zu merken, dass das keinen Einfluss auf ihr Wohlbefinden hat, ließ mich an mir zweifeln, verzweifeln, Mist bauen und mich nachher noch schuldiger fühlen. Ein Teufelskreis. Ihr ging es von Jahr zu Jahr schlechter. Sie nahm irgendwann zu viele Medikamente, und als sie die nicht mehr bekam, trank sie viel zu viel Alkohol. In dieser Zeit passierten schlimme Dinge.

Hätte ich doch dies und jenes anders gemacht, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.  

Ich schwankte zwischen Angst, Wut, Verzweiflung und der ewig quälenden Frage nach dem Warum. Ging zwischenzeitlich selbst zum Psychologen, nahm Medikamente und tat so einige andere Dinge, um meine Wut auf mich selbst und meine vermeintliche Schuld loszuwerden. Und dann sprach ich mit einem ihrer Ärzte und fragte ihn, warum. “Sie kennen Sie doch so gut. Warum?” – “Weil das eben so ist. Weil manche Menschen das einfach haben. Es gibt nicht für alles einen Grund. Das ist eine Krankheit und die kann jeder kriegen. Ganz egal, was er tut.”

Irgendwann traute ich mich, weit weg zu ziehen. Mit schlechtem Gewissen und neuem Mut in den Taschen.

Es gibt nicht für alles einen Grund.

Es gibt so viele Dinge, die sind nicht schön. Aber… sie sind… auch nicht unsere Schuld. Sie liegen nicht einmal in einem Bereich, den wir hätten beeinflussen können. 

Wirklich nicht.

Wisst ihr noch…

…damals, als das hier noch mehr war?

Guten Abend. Mein Name ist Anne und ich vermisse Twitter.

Die meisten von euch werden das nicht wissen, aber es war einmal ganz anders hier. Es war einmal… vor langer Zeit… herzlich, spontan und warm. Es waren einmal Zusammenhalt, Mut und dieses Gefühl, immer jemanden an seiner Seite zu wissen.

Hosentaschenfreunde.

Twitter jetzt ist anders. Große Worte, dicke Hose und im Rücken die Angst, etwas Falsches zu sagen. Twitter heute ist ein bisschen Hetzjagd, ein bisschen Stammtisch und ganz viel Pathos.
Schmöschte das nicht.

Wo gehen wir nur hin?