“Und was hast du so für Hobbies?“

Im Verlauf des Bewerbungsgespräches fragte mich mein Chef damals, was ich denn so für Hobbies habe. Ich lachte recht laut.

Fünf Uhr dreißig. Der Wecker klingelt. Ich widerstehe dem Drang, das Ding gegen die Wand zu pfeffern nur, weil da kein echter Wecker klingelt, sondern mein Handy. Um nicht versehentlich zu oft auf die Snooze-Taste zu drücken, verknüpfte ich seinerzeit in einem Anfall geistiger Umnachtung das Ausschalten des Weckerpiepens mit dem Lösen einer Mathematikaufgabe.

Ich rechne mit einem offenen und einem geschlossenen Auge “4 plus 7 mal 12“, murmele irgendwas mit Verficktescheißeichkönntkotzenooaahbinichmüde und schleppe mich ins Bad. Duschen, Haare föhnen, schminken, eine zerrissene Toilettenpapierrolle aus dem Abfluss pulen, irgendwas vom Wäscheständer zerren, anziehen und hoffen, dass es kein Bettbezug ist. Was man halt so macht.

Jetzt schnell das Kind wecken (“Mmhhggrrmpf!!!“ – “Nur noch 42x Aufstehen bis zu den Ferien, Schatz!“), frühstücken, Brote schmieren, Obst schnippeln, das Kekskind zum Zähneputzen ermahnen, gucken, dass es zwei zumindest farblich zusammenpassende Socken trägt, die fiependen Meerschweinchen füttern, Tasche für den Schwimmunterricht packen und mit einem Stift im Mund die Zettel ausfüllen, welche man abends vergaß oder genervt zur Seite schob, die aber in der Schule bis heute abgegeben werden müssen. Das Kekskind zur Schule bringen, die zu weit vom Wohnort entfernt ist. Zwei Euro Kopiergeld ins Federmäppchen stecken und im Gehen “Bitte gib die unbedingt heute ab, ja? Dankeee!” rufen, zur Arbeit fahren.

Wenn unterwegs nicht allzu viel Stau war, ist es jetzt 7:56 Uhr. Die folgenden Stunden verbringe ich damit, Dinge zu erledigen, die die Kollegen gerne hätten und Sachen, die der Chef bis gestern braucht, mit Deadlines zu jonglieren und den Hausmeister darüber zu informieren, dass die Alarmanlage der Parkanlage schon wieder defekt ist. Nebenbei mache ich meine eigentliche Arbeit und murmele ein paar Mal “Ja, sicher.”, “Sonst geht’s noch?” und “Der hat ja nicht mehr alle Nadeln an der Tanne!” vor mich hin, wenn gerade mal keiner am Telefon ist. Zumindest hoffe ich das.

Es ist jetzt ca. 14 Uhr. Mal etwas früher, mal zwei Stunden später, aber im Schnitt ist es 14 Uhr. Das Kind muss abgeholt werden. In einem Zeitfenster von 14:50 Uhr bis 15:10 Uhr, weil man sonst vor verschlossenen Türen steht. Ich beeile mich besser und wenn alles so klappt, wie es klappen soll, sind wir gegen 15:30 Uhr zu Hause. Ich lasse erschöpft die Tür ins Schloss fallen. Wie der Tag so war, haben wir unterwegs schon besprochen.

Ich schalte den Laptop ein und bearbeite den Auftrag des Kunden, der dringend fertig werden muss. Meinen inneren Wecker stelle ich auf 17 Uhr. Um 17 Uhr räumen wir gemeinsam das Kekskindzimmer auf und singen dabei laut die Lieder aus “Mimelit, das Stadtkaninchen” mit. Danach noch schnell 110 Quadratmeter Wohnfläche staubsaugen und kochen. Gesund, abwechslungsreich, ohne Fertigprodukte. Selbstverständlich. Kurz vorm gefühlten Hungertod gibt es Abendessen.

Das Kind beknuddeln und zu Bett bringen, den Bildbearbeitungsauftrag des Kunden fertigstellen. “Das ist ein etwas schwieriger Fall, aber Sie kriegen das hin!”.

Ich kriege es hin. Es ist jetzt 21:45 Uhr.

Ich bin müde. Duschen wäre gut. Auf dem Weg zur Dusche zwinkert mir die Waschmaschine verschwörerisch zu und mir fällt wieder ein, dass ich die zwischen 17 und 19 Uhr auch irgendwann angeschaltet haben muss. Moment – war das heute? Ja? Ja. Puh. Glück gehabt.

Wäsche aufhängen, duschen (endlich!), Streichhölzer zwischen die Augen klemmen, ein Glas Wein trinken.

Das Bad geputzt habe ich heute nicht. Meine Fingernägel sind noch nicht frisch manikürt und ich habe kein Formular fürs Finanzamt ausgefüllt. Ich habe kein Geschenk verpackt und keinen Kuchen fürs Schulfest gebacken. Aber manchmal mache ich auch das. Dann ist es 27:12 Uhr.

Und was hast du so für Hobbies?

Advertisements

2 thoughts on ““Und was hast du so für Hobbies?“

  1. Vielleicht macht mich das zu einem schlechten Menschen, aber für mich ist es eine Horrorvorstellung jeden Tag nur noch mit Kind(ern), Haus- und Erwerbsarbeit zu verbringen. Klar macht alles auch Spaß, Kinder geben viel zurück usw., aber überhaupt nicht mehr man selbst sein, könnte ich glaube ich nicht.
    Da gäbe es im Zweifelsfall mal ungesundes Essen, die Wohnung bliebe schmutzig oder die Kollegen könnten mich mal gern haben. Ich bewundere inzwischen allein erziehende Eltern, ich wüsste nicht wie ich das alles allein hinkriegen sollte ohne verrückt zu werden.

  2. Pingback: Wie es Euch ohne BrustinspektorInnen gefällt. | Stützen der Gesellschaft

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s