“Zieht die Mauer wieder hoch…”

Guten Tag. Ich bin 30 Jahre alt und mein Name ist Anne. Ich hätte aber genauso gut Mandy heißen können, oder Sindy, oder Denise. So heißen dort, wo ich geboren bin, nämlich alle Frauen. Die Männer heißen Ronny, Maik oder Rico und alle essen gerne Würzfleisch, Soljanka und Nudossi.
Ich komme aus dem Osten.
Im Osten, und das weiß ja mittlerweile jeder, mussten sich die Menschen nach dem Fall der Mauer erst einmal daran gewöhnen, ordentlich zu arbeiten. Und kaum hatten sie das gelernt, wollte sie keiner mehr. Deswegen beschweren die sich jetzt auch alle, das ist ja klar. Das obligatorische und inzwischen schon sichtbar ausgeblichene Honecker-Bild hängt seit dem Fall der Mauer nicht mehr im Flur, sondern unter dem Sofa, und das abzustauben ist wirklich anstrengend und zieht im Rücken. Kein Wunder, dass die dort im Osten alle immer so schlechte Laune haben. Und wer ständig schlechte Laune hat und meckert, ist ein prima Nährboden für die leeren Parolen der Glatzentypen mit den hochgekrempelten Hosen, das weiß man ja.
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Dass Dortmund ein mindestens ebenso großes Naziproblem hat wie Dresden, tut da nichts zur Sache. Und überhaupt ist Dortmund irgendwie ja auch Osten. Von Amsterdam aus gesehen, wenn man Richtung Dänemark guckt.
Ich habe übrigens später auch mal in Unterfranken gewohnt. Dort treffen sich jährlich Unmengen Altnazis zum Fachsimpeln und zum Hochhalten der guten, alten Zeit. Die haben aber gar keine Glatzen und sind daher nicht so richtig medienwirksam. Und außerdem ist Unterfranken ja auch Osten. Wenn man in Frankreich sitzt und Richtung Nordpol guckt.
Sie kennen die Nachrichten, Sie haben alle schon gehört von Solingen, Mölln, Duisburg und München, und Sie können sich hier mal die Verteilung von Nazi-Aufmärschen in Deutschland visualisieren lassen: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/568320/Sehen-wo-die-Nazis-aufmarschieren
Ich wohne seit 16 Jahren im Westen. Dass Aussagen wie „Zieht die Mauer wieder hoch“ statt des zu erwartenden Shitstorms auf Twitter aber Favstar-Sterne nach sich ziehen, macht mich immer noch enttäuscht und wütend.
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Das ist Stammtischniveau. Genauer gesagt ist das nur Stammtisch, vielleicht auch Untermstammtisch, jedenfalls kein Niveau. Menschen ihrer Herkunft wegen zu verurteilen, alle in einen Topf zu werfen, und sei es nur der Polemik wegen und „gar nicht so gemeint“, ist genau das NPD-Gedankengut, was Sie sonst alle so pflichtbewusst anprangern.
„Zieht die Mauer wieder hoch“ ist „Ausländer raus“ innerhalb Deutschlands.
Denken Sie da mal drüber nach, bevor Sie das nächste Mal Ihren Stern an so eine gequirlte Scheiße pappen.
Danke.
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5 thoughts on ““Zieht die Mauer wieder hoch…”

  1. Die erste Frage, die man sich immer stellen sollte, ist: Cui bono? Wem nützt das?

    ‘Nur ein geteiltes Volk ist ein schwaches Volk. Dass das die Mainstream-Medien forcieren, werden eines Tages auch Doktoren und Freaks merken.’
    Kein friedliebender Mensch braucht Feindbilder! Und dann gibt es da noch die Anderen …

  2. Ich muss gestehen, ich habe bei meinem Stern für den unteren Tweet von Don Mention zurück gezuckt. Aber ihn dann doch gemacht. Nicht wegen dem Satz mit der Mauer hochziehen (nebenbei: eher wegen den Prinzen *g*), als wegen dem Drecksnazipack. Dafür habe ich den Tweet gefavt. Ja, ich fave auch Tweets die mir nuir halb gefallen. Ich mach das einfach.

  3. Hüben wir drüben ist das Leugnen des Rechtsradikalismus gängige Praxis, da unterscheiden sich Wessis und Ossis kein Stück. Als gebürtiger Wessi, der in Dortmund arbeitet, bekomme ich die Problematik hier vor Ort sehr genau mit. Wenn ich das Nazi-Problem in Dortmund beklage, wird schnell abgewiegelt. Von offiziellen Stellen wurde lange Zeit behauptet, Dortmund hätte kein Nazi-Problem, der Alltag und universitäre Studien zeigen anderes. Offen erkennbare Nazis gehören zum Stadtbild und niemanden stört es, Familien suchen das Weite, weil sie von Nazis terrorisiert werden und die Polizei keinen ausreichenden Schutz bieten kann. Das Schlimme dabei ist, dass dies von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung geduldet wird. Hier unterscheidet sich Dortmund auch von Nachbarstädten wie Bochum oder Essen.

    Leider lassen sich aber auch Statistiken nicht von der Hand weisen und die entsprechenden Wahlstatistiken zeigen einen hohen Anteil von Wählern der rechten Parteien in den östlichen Bundesländern. Die Frage ist doch aber, was kann man daran ändern? Rufe nach einer neuen Mauer sind billige Polemik und lösen nicht das Problem. Es gibt Ursachen für diese Probleme die vielfältig sind und dort müsste man ansetzen. Dazu gehört es aber auch, die Probleme zu erkennen und zu akzeptieren, egal wo sie auftreten, ob es sich dabei nun um Dortmund oder irgendeine Stadt im „Osten“ handelt. Der Grund für den Nährboden von rechten Parteien ist ähnlich. An der Akzeptanz der Probleme und ihrer Ursachen scheitert es leider aber immer wieder, sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Politik.

    Als schwuler Mann kenne ich das Problem abwertender Verallgemeinerungen sehr gut. Kann ich mich deshalb davon freisprechen, selbst hin und wieder zu solchen Pauschalisierungen zu greifen? Nein! Ich denke die wenigsten Menschen können das.
    Wenn ich mir die Bilder von Rostock-Lichtenhagen in Erinnerung rufe, wird mir Angst und Bange und auch ich habe in diesen Momenten gedacht: hätten wir die Mauer bloß stehen gelassen. Aber in weniger emotionalen Momenten sollte man auch zur Selbstreflexion fähig sein, um diese Gedanken hinterfragen und richtig einsortieren zu können. Nicht der Gedanke ist verurteilenswert, sondern diesen einfach hinzunehmen und danach zu handeln.

    Auch ich gehöre zu denjenigen, die im ersten Affekt einen Stern vergeben haben. Ob ich es jetzt noch machen würde weiß ich nicht. Allerdings weigere ich mich, die Tatsachen zu ignorieren. Ob es dabei nun um Dortmund oder irgendeine andere Gegend geht. Und die abgebildeten Statistiken haben bei mir eine sehr emotionale und erschrockene Reaktion hervorgerufen. Dieser flächendeckend hohe Anteil an Stimmen für rechte Parteien, war mir in diesem Ausmaß eben doch nicht bewusst.

    Und wenn wir schon bei den Verallgemeinerungen sind frage ich mich, wie ein ganzes Bundesland seit Jahrzenten einer stramm konservativen, bigotten und in Teilen reaktionären Partei in überwältigendem Ausmaß die Treue halten kann? Man muss sich nicht wundern, dass die Stimmenanteile der rechten Parteien in diesem Bundesland sehr gering ausfallen. O-Ton eines ehemaligen Ministerpräsidenten: „Rechts von uns gibt es keine demokratischen Parteien!“ Das ist eine klare Ansage. Und auch dort gibt es unschöne Vorfälle wie z.B. das Mitfeiern von Polizisten im Dienst bei Rechtsrock-Konzerten.
    All das hat mich aber nicht davon abgehalten diesem Bundesland immer wieder einen Besuch abzustatten, zuletzt vor 2 Wochen, und mich dort mit den Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sehr wohl zu fühlen. 😉

  4. Hohle Köpfe sind leer, weil sie mental inkontinent sind. Insofern besteht leider wenig Hoffnung dass die Botschaft bei den richtigen ankommt. Feige Claqueure können eh nicht denken, aber all das beweist leider mal wieder, wie gefährlich das www als Nährboden für Hetzer und Brandstifter ist 😦

  5. Ich komme auch aus dem Osten und bin etwas älter als 30 und muss dir in allen Punkten voll zustimmen. Ergänzen möchte ich das Ganze aber dadurch das es sehr viel Gedankengut in unserer Gesellschaft gibt was dem friedlichen Miteinander nicht unbedingt förderlich ist. Was das übliche Ost-West-Gezänk angeht so ist dies in der deutschen Geschichte nichts neues, man braucht nur mal nach Bayern zu schauen wie sie über den Rest des Landes, nördlich des Weisswurstäquators denken, oder die noch aus dem 18.Jh stammende “Feindschaft” zwischen Sachsen und “Preussen” wobei letztere eher die Brandenburger sind. Ein besonderes Problem sind für mich nicht nur die Nazis, deren menschenverachtende Parolen ja allzu offensichtlich sind. Ein besonderes Problem finde ich die vielen anderen Extremisten die eher weniger im Focus der Medien sind. Angefangen von diversen Religionsgemeinschaften die meinen auch das Leben derjenigen beieinflussen zu müssen die nicht ihre Religion teilen. Und da rede ich nicht nur von den Salafisten, sondern vor allem auch von fundamentalistischen Christen, oder diversen Extrem-Ökos. Als die Grünen zum Beispiel auf die Idee kamen den Leuten vorschreiben zu müssen was sie zu essen haben, ging irgendwie kein Sturm der Entrüstung los, obwohl es die Nazis waren die sowas das letzte Mal erfolgreich durchgeführt haben. Deren Eintopf-Mittwoch gibt es in vielen Kantinen heute noch und der “Kartoffelsuppen-Samstag” ist mancherorts auch noch bekannt. Beispiele ließen sich noch 100derte bringen aus unserer, heite leider gespaltenen Gesellschaft.

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