Zwischen Nichts, Sand und Sehnsucht

Der weiße Raum hat vier Fenster, an jeder Wand eines. Große Fenster mit weißen Holzrahmen, deren Lack an einigen Stellen schon leicht abblättert, und ich habe keine Ahnung, wie ich hier hergekommen bin.

Die Fenster sind alle einen Spalt weit geöffnet, die bodenlangen Gardinen sind durchsichtig, und dennoch kann ich nicht erkennen, was da draußen ist und, ob da überhaupt etwas ist. Ein lauer Wind spielt mit dem Vorhangstoff, trägt jede Frage fort und ich glaube, irgendwo Wasser rauschen zu hören. Es könnte aber genauso gut Autolärm einer entfernt gelegenen Landstraße sein. Alles scheint hier irgendwo zusammenzufließen. Der Wind, das Rauschen, die langen, roten Haare dieses Mädchens…

Sie sitzt auf dem weißen Sofa in der Mitte des Raumes, krallt ihre Hände ins Polster, zupft mit ihren Zehen verlegen an den weißen Teppichfransen, blickt zu mir auf, lächelt und sagt „Na?“. Sie trägt ein weißes Kleid, welches ihr bis über die Knie reicht, und weiße, dicke Wollsocken mit diesen groben Maschen, wie Omas sie stricken.

„Na…“ sage ich und frage sie, ob ihr nicht zu warm ist in diesen dicken Strümpfen. „Ich muss oft leise sein.“ sagt das Mädchen und kaut auf einer rotgelockten Haarsträhne herum. „Dein Zimmer hat keine Tür!“ bemerke ich und sie schmunzelt. „Weil ich keine brauche.“ Plötzlich springt sie auf, klatscht mit der linken Hand auf ihre Stirn, lacht laut und ruft „Oh Gott, ich bin eine ganz fürchterliche Gastgeberin! Du stehst ja noch immer, bitte, nimm doch Platz, komm, setz dich!“. Ich lasse mich an den Rand des Sofas plumpsen, gucke an mir herunter, auf meine Jeans und die schon etwas abgetragenen Sneakers, und fühle mich ganz fehl am Platz mit meinen Farben, in diesem Raum aus Licht und Luft. Sie läuft auf dem weißen Teppich vor dem Sofa auf und ab, ganz behutsam und bedächtig, setzt präzise einen Fuß vor den anderen, zuerst die gestreckten Zehenspitzen, dann den Fußballen, zum Schluss die Ferse, mit höchster Konzentration, Schritt für Schritt.

Ich blicke auf den mit Büchern gefüllten, weißen Pappkarton neben dem Sofa. Die Einbände der meisten Bücher sind weiß, es befinden sich nur wenige eierschalenfarbene darunter. Die Buchtitel sind mit goldenem Garn aufgestickt und scheinen in einer mir völlig fremden Sprache verfasst, ich kann keinen einzigen Buchstaben erkennen. Ich greife nach einem mittelgroßen, mitteldicken Buch, lege es auf meine Oberschenkel, fahre mit den Fingerspitzen behutsam die goldenen Schriftzeichen nach und schlage das Buch auf. Es ist leer. So, wie alle anderen Bücher in dieser Kiste. Ich starre auf die blütenweißen Seiten und denke gar nichts. Alles ist still. Ich weiß nicht, wie lange.

Als ich wieder aufblicke, läuft das Mädchen immer noch bedächtig auf und ab und setzt einen Fuß vor den anderen, als vermesse sie heiliges Land. „Was ehm… tust du da?“ frage ich skeptisch. Sie blickt nicht von ihren Fußspitzen auf, um mir zu antworten. „Ich tue weh.“

Mein Gesichtsausdruck muss dem eines kleinen Kindes ähneln, welches zum ersten Mal ein Chamäleon die Farbe wechseln sieht. „Wie bitte, was? Wenn dir das weh tut, wieso setzt du dich dann nicht einfach wieder hin? Schau, hier ist doch noch Platz!“. Sie läuft weiter auf und ab, hin und her, schweigend, konzentriert, und wirkt abwesend.

Ich stehe auf, gehe leise zum Fenster und schiebe die Gardine ein wenig zur Seite, um erkennen zu können, wo ich hier bin. Diesen Raum, ich kann es nicht einmal Haus nennen, umgibt heller, fast weißer Sand. Sand ohne eine einzige Fußspur, ohne einen einzigen Käferbeinchenabdruck. Dahinter ist weißes Nichts. Ich kann nicht weiter als zwanzig Handbreit sehen. Ein einziges, großes Nichts, das sich wie ein Nebelschleier um diesen Raum legt. Ich gehe zum nächsten Fenster, aber auch hier ist die Aussicht die gleiche. Spurenloser Sand. Sand und gedämpftes Nichts. Mein Herz schlägt schneller, als ich bemüht gefasst zu den zwei anderen Fenstern laufe und mich davon überzeuge, dass auch diese keinen anderen Ausblick zeigen.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin, wundere mich aber darüber, dass ich weder Durst, noch Hunger verspüre. Draußen bäumt sich der Wind auf und öffnete die Fenster vollständig. Das Mädchen geht nun schneller, aber mit mindestens ebensolcher Konzentration wie zuvor. Einen Fuß vor den anderen. Noch schneller. Sie wirkt wie ein weißer Tiger auf der Pirsch, bleibt plötzlich kurz vor mir stehen, sieht mich mit einem Eiswürfelblick aus ihren waldwiesengrünen Augen an und diese Augen sagen „Stör‘ mich jetzt bloß nicht!“ unmissverständlicher, als es Worte je könnten. Obwohl ihre Schritte immer energischer werden, ist sie nicht zu hören. Sie marschiert tonlos. Nur ein Lufthauch ist spürbar, wenn sie an mir vorbei läuft. Ein Lufthauch, der mich trotz der sommerabendmilden Temperaturen ein wenig frösteln lässt.  Sie stampft mit einem Bein auf den Boden wie ein wütendes Kind, beißt sich auf die Unterlippe, rauft sich die Haare und erinnert mich ein wenig an Rumpelstilzchen, so dass ich ein Kichern unterdrücken muss. Aber sie scheint mich ohnehin nicht wahrzunehmen, beginnt, sich schneller und immer schneller im Kreis zu drehen und gleitet in eine Welt, die noch weiter weg scheint als diese hier.

Sie prallt mit ihrer Schulter gegen die geöffnete Fensterscheibe, ächzt, taumelt, dreht sich, schlägt den Kopf gegen die Wand, wieder und wieder, guckt irre und ich bekomme Angst. Um sie, um mich, und Angst vor allem. Ich will sie festhalten und  vor sich selbst beschützen, doch ich greife nicht schnell genug zu. Sie lässt sich durch meine Hände auf den Boden gleiten und wälzt sich hin und her. Ihre roten Locken hängen wirr über ihr Gesicht und die grünen Augen funkeln unruhig durch das Haargestrüpp, ohne einen Punkt zu fixieren. Sie schreit, überkreuzt die Arme vor ihrer Brust, windet sich und gräbt ihre Fingernägel tief in ihre Schultern. Wie angewurzelt stehe ich auf dem weißen Teppich, wie ein Tomatensaucenfleck auf einer weißen Bluse. Und ich bin ähnlich ratlos. „Oh Gott, denk nach, denk, jetzt denk, verdammt noch mal, schon nach und tu was!“ sage ich zu mir, oder vielleicht denke ich es auch nur, ich weiß es nicht genau. So, wie ich überhaupt gar nichts mehr weiß, seitdem ich hier bin, in diesem Raum aus Licht und Luft. Sie schreit. Mein Herz schlägt gegen ihr Gebrülle an, durch meine Ohren rast Blut und ich höre sie kaum noch, weil meine Angst lauter ist. Sie rast. Ich weiß nicht, warum und will es plötzlich auch gar nicht mehr wissen.

Sie bleibt auf dem Bauch liegen, zieht ihre Knie unter sich bis zur Brust, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und seufzt. Ihr Körper wirkt schlaff wie ein frisch gewaschenes, nasses Plüschtier. Ich hocke mich neben sie, lege meine Hand zwischen ihre Schulterblätter und frage leise „Was… was… war das?“. Sie erhebt sich ganz langsam, geht mit zaghaften Schritten im Raum umher, als traue sie ihren eigenen Füßen nicht, und schließt drei der vier Fenster. „Ich… habe weh getan“. Sie setzt sich im Schneidersitz vors Sofa und lässt ihren Kopf nach hinten auf das Sitzpolster fallen. „Dir, vielleicht. Oder irgendwem anders.“

„Weißt du…“, sie starrt an die Decke, „… die meiste Zeit sitze ich ziemlich still da. Blättere in meinen Büchern, mache mir Gedanken, sehe nach draußen und atme Wind. Aber manchmal muss ich das hier tun. Zeigen, dass ich da bin…“

Ich halte die Luft an. „Wer…“

„Sehnsucht, Schätzchen. Ich bin die Sehnsucht.“

Sie zündet sich eine Zigarette an und formt mit ihren Lippen weiße Rauchringe, die sich nur millimeterweise weiter bewegen, weil die Luft still zu stehen scheint. Ich gehe ans Fenster, schaue ins Nichts und glaube plötzlich, etwas darin erkennen zu können.

Advertisements