Wer hier wohnt, darf bleiben

Es ist viel zu kalt für Ende März, das sagen alle. Aber es ist Sonntag, die Sonne scheint, hier drin ist es warm und riecht nach Kaffee und wenn man die Augen schließt, klingt der Eiswind wie Urlaub.

Die Musik macht, dass ich Herzzittern habe und es fühlt sich an, als kippe jemand heißen Honig über die wunden Stellen der letzten Zeit.

Hier drin… das ist da, wo es nie so richtig aufgeräumt ist. Weil mir Wohnungen Angst machen, in denen es aussieht wie in den Ausstellungsräumen von Hülsta. Weil mir Menschen Angst machen, deren Herzen so aufgeräumt aussehen wie die Plastinate von Hagens.

Ich bin in Worten zu Hause. In Umarmungen, Bildern, Musik und im Meerwind. Mein Herz ist ein Studentenwohnheim. Der Putz bröckelt, im Treppenhaus riecht’s nach Bier, Parfüm und kaltem Rauch und an den Wänden stehen Dinge wie „Ich war hier“, „Claudius ist doof“ und “Leben ist, was du draus machst”. Das lesen aber nur die wenigsten.

Die Eingangstür ist kaputt, im Winter zieht’s immer ein bisschen rein, aber die Heizung auf den Zimmern funktioniert, abends gibt’s heiße Suppe und durch die großen Fenster kann man die Stadt leuchten sehen. Die meisten kommen mit ‘nem Rucksack, bleiben ein bisschen und machen die Nächte hell und laut und bunt. Und dann gehen sie wieder. Weil sie nicht mehr bleiben wollen. Oder rausfliegen. Oder einfach, weil alles zu Ende gedacht wurde und das Leben anderswo anders weitergeht.

Wenn man durch den langen Flur mit der altersschwach flackernden Neonleuchtröhre geht, kommt man hinten rechts zu einer großen Tür mit der Aufschrift “Privat”. Eine von diesen Türen, durch die man nur die Umrisse dessen sehen kann, was dahinter geschieht, weil sie aus Ornamentglas ist.  Hierhin kommen ganz selten neue Menschen. Hier wohnen der Hausmeister und die Dame von der Verwaltung. Und ein paar andere Leute, die zufällig vorbeikamen und sich einfach so entschlossen haben, zu bleiben. Wer hier mal wohnt, geht nicht mehr so ganz. Und wer dennoch geht, behält sein Zimmer. Vielleicht streich’ ich’s nur mal um, weil mir die Farbe nicht mehr gefällt. Oder hänge neue Vorhänge rein.

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