Vielleicht das Letzte, was man hört

“Kommen Sie schon mal mit in unseren neuen Untersuchungsraum…”, sagt die Schwester, “Sie können dort auf die Ärztin warten, dauert nur ein paar Minuten.”.

Der Boden ist weiß gekachelt, die Wände weiß geraufasert, auf der Liege am Ende des Zimmers liegt weißes, überdimensioniertes Küchenrollenpapier, sogar das Licht ist weiß und dennoch sieht alles blau aus. Und kalt.

“Legen Sie sich schon mal da hin”, ordnet die Schwester an und ich frage, ob ich meine Sachen vorerst anbehalten kann. “Klar, geht ja dann schnell. Schlafen Sie doch einfach ein bisschen bis dahin…” lacht sie und verlässt den Raum.

Unbequem ist das eigentlich nicht, ein bisschen hart vielleicht, aber es geht, denke ich, während dieses große Untersuchungsgerätemultitalent mit den tausend Tasten und Rädchen und Schläuchen neben mir beruhigend brummt. Am Bildschirm sieht man noch den Abdomen eines Herrn Eisfelders, mit großen schwarzen Flecken zwischen sehr viel Graugekrissel. “Möcht‘ ich so genau jetzt eigentlich auch nicht wissen”, denke ich und drehe meinen Kopf zur Wand. Das Monstergerät brummt weiter und piept zwischendurch mal ganz niedlich, es riecht ein bisschen nach Desinfektionsmittel und irgendwie auch nach gar nichts.

Ich erinnere mich wieder viel zu genau an den Moment vor vier Wochen, als der Chirurg seine Hand auf meine Schulter legte, sich bemühte, seiner Stimme einen beruhigenden Tonfall zu geben und sagte “Das werden wir wohl operieren müssen. Heute noch.”. An die aufsteigende Angst, an Danabengesteche beim Blutabnehmen, an die Narkosemaske und das Aufwachen zwischen brummenden Geräten und weißen Stofftrennwänden.

“Vermutlich werden die wenigsten von uns einfach aus den Schuhen kippen und tot umfallen, oder beim Sex vom Blitz getroffen, wobei das natürlich gar nicht so übel wäre. Aber, wenn man’s genau betrachtet, wird dieses Gerätegebrumme und Gepiepse wohl das Letzte sein, was die Meisten von uns hören.”

Ich wundere mich darüber, dass mir dieser Gedanke gar nicht allzu viel Angst macht, als die Schwester zu Tür herein kommt und sagt “Einen kleinen Moment dauert’s noch, aber das Ding hier muss Ihnen ja nicht die ganze Zeit die Ohren vollbrummen, das schalte ich mal aus!”. Sie drückt den schweren Schalter, verlässt den Raum, die Elektronik gibt noch ein kurzes, hochfrequentes Piepsen von sich und die Lüfter hören langsam auf, sich zu drehen… bis es letztendlich ganz still ist.

„Dieses Glück, wenn man das Ausschalten noch mit anhören darf…“, denke ich, und ich habe ein bisschen einen Kloß im Hals.

Die Tür geht auf und die Ärztin kommt herein. “Na, dann wollen wir doch mal gucken, was? Sehen Sie, das sieht ja ganz prima aus, alles!”

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One thought on “Vielleicht das Letzte, was man hört

  1. Diese Geschichte hat mich sehr ergriffen.Bodenlose Angst, an Hoffnungen sich verzweifelt klammernd-, und dann, nicht zu glauben, eine relativ gute Wendung !Es bleibt ein bleibendes, unbeschreibliches Gef??hl!Sollten Sie pers??nliches Erleben beschrieben haben, w??nsche ich Ihnen von Herzen das Beste und lieben Sie das Leben, ewig m??gen Sie von Freude umgeben sein.Ich gr????e Sie und Dr??cke dabei Ihre HandSiegfried

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