GRÜNKOHL, LACHSHÄPPCHEN UND KRAFT. EIN TWITTERRESÜMEE.

Auf Twitter erzählt man sich, wann man aufs Klo geht, disst die Chefetage, die Nachbarn oder das Fernsehprogramm und postet Bilder von verkohltem Grünkohl, der dann eigentlich Schwarzkohl heißen müsste, von Currywurst und Bier. Und, wenn man Glück hat und vielleicht auch dieses Leben, von dem immer alle reden, postet man manchmal auch Bilder von auf rechteckigen Tellern hübsch drapierten Lachshäppchen, welche man wohlwollend mit anderen Twitterern verzehrt, die ihrerseits dann ebenfalls Bilder von hübsch drapierten Lachshäppchen auf rechteckigen Tellern posten. Damit die Menschen am anderen Displayende, die vielleicht gerade zu viel Zeit haben, weil der Tatort ja auch schon mal besser war, beim Tellervergleich feststellen können, dass das ja womöglich die gleichen Lachshäppchen…! Und Hinterdemdisplaymenschen mit wirklich viel zu viel Zeit machen dann, wenn man denn Pech hat, eine Geschichte daraus, die sie ihrem Lieblingstwitterer bei hübsch drapierten Lachshäppchen auf rechteckigen Tellern mit vorgehaltener Gabel unter der Hand erzählen.

„Hier, pst, wusstest du schon, dass der jetzt mit der…! Aber von mir hast du das nicht!“ –
„Was du nicht sagst! Moment, ich muss nur kurz das Lachshäppchen fotografieren…“

 

Twitter.

 

Man muss vielleicht ganz, ganz genau hinschauen.
Doch wenn man das lange genug durchhält, sieht man plötzlich, meistens nachts, und vielleicht auch nur vielleicht, aber dann, Avatare pulsieren. Weil, so verwirrend das klingen mag, Menschen dahinter sitzen, hinter diesen bunten, witzigen, herausfordernden Bildchen mit Humor-, Emo- oder Tittenhintergrund. Menschen, die Tasten drücken. Und in die Tasten hinein immer auch ein bisschen was von sich selbst. Vielleicht findet man beim Reinigen der Tastatur unter dem Kleinergleichzeichen und der Drei immer auch ein Stückchen Twittererseele, festklebend an Kekskrümeln und zähpappigem Bierschaum.
Und am allervielleichtesten brauchen manche dieser Menschen manchmal Kraft. Weil sie selbst keine mehr haben. Oder weil der Bedarf höher ist, als ihn ein einziger Herzmensch auffüllen kann. Weil das Leben Wege geht, die durch Gedankendickicht führen und Umwege fordern, die keine Begleitung zulassen.
Vielleicht hat dann aber hier, auf diesem Klo-Essen-und-Bier-Netzwerk, jemand eine Idee. Eine Idee, die ein Lächeln zaubern kann. Oder ein Schmetterlingskribbeln im Bauch.
Und dann und wann hat möglicherweise sogar jemand Kraft übrig, weil er gerade etwas ins Ohr geflüstert bekam oder einen Kuss auf die Stirn.

 

 

Man kann nicht immer da sein. Aber man kann dann Hände zum Drücken reichen, auch virtuell. Zum Drücken, so feste es weh tut…

 

Und manchmal ist das so viel wert.

 

(Weil es mir auf dem Herzen lag. Danke an euch! Für euer unermüdliches Engagement und Hinhören. Fürs Füranderedasein. Und Helfen. Ihr seid mehr als Klo, Grünkohl und Lachshäppchen!)

 

Flieg-klein
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