Eine wahre Geschichte über das Leben.

Herbst 2011. Ein Mittfünfziger mit grau meliertem Haar bittet mich um besondere Sorgfalt beim Bearbeiten seiner Bilder, denn “Die sind für eine Ausstellung!”. “Na hören Sie mal! Ich bearbeite Bilder immer sorgfältig!” sage ich zwinkernd und er lacht. Beim Scannen seiner Dias fällt dieser besondere Blick auf die Welt auf. Man kann Herbstbilder machen und Herzherbstbilder. Herzherbstbilder sind das hier –  solche, bei deren Betrachtung man Blätter fallen hört und spürt, wie die tiefstehende Sonne die Gedanken kitzelt. Vielleicht gebe ich mir doch noch ein wenig mehr Mühe als sonst.

Beim Ansichtstermin begutachtet er zufrieden den letzten Schliff und wir unterhalten uns sehr lange über Herbstlicht und das, was es mit Menschen macht. Über Amerika und früher, über Bilder und Kinder. Und wie er da so steht, mit seinem Mantel über dem Anzug, mag ich ihn sehr, diesen feinfühligen, intelligenten, ausnehmend gut riechenden Mann.

„Waren Sie schon mal auf diesem Berg hier? Der ist ganz in der Nähe, und der Weg ist auch für Kinder gut zu laufen. Der Blick! Wie im Indian Summer, das müssen Sie sich ansehen, diese Woche noch, dann ist es vorbei!“

„Ach, ich würde so gerne, muss aber arbeiten..”, antworte ich, “Vor Ende der nächsten Woche wird das nichts. Aber wissen Sie was? Gehen Sie dort hin und denken mal an uns, ja?“

Am nächsten Tag bringt er mir ein rotgoldenes Ahornblatt vorbei. „Weil ich an Sie dachte!“

Ich freue mich, lege das Blatt in mein Fach und, es ist doch so viel zu tun!, vergesse es. Nach einer Woche ist es immer noch ein bisschen bunt, aber verwelkt. Es zerfällt beim Versuch, es aufzuheben.

Dann wird es viel zu still.

Herbst 2012. Donnerstags denke ich “Meine Güte, was wohl der Herr mit dem Herbstblatt macht? Der war schon so lange nicht mehr da!”. Freitags steht da ein gut gekleideter, sehr großer, sehr dünner Herr und möchte mich sprechen. “Guten Tag. Sie wollten mich spre…” – hier merke ich, wie meine Gesichtszüge unkontrolliert entgleisen, weil ich ihn plötzlich erkenne. Mindestens zwanzig Kilo leichter, mit müden, tiefliegenden Augen, und sogar sein Kopf scheint kleiner geworden. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, ich möchte ihn sofort in den Arm nehmen und sage, um Fassung bemüht, “Gestern noch dachte ich an Sie und wie es Ihnen wohl geht! Es freut mich so, Sie zu sehen!”.  – “Sie dachten an mich? Verrückt. Ich an Sie auch. Ich war im Krankenhaus. Lange.”. Ich bemühe mich, gerade stehen zu bleiben, Kompetenz und Sicherheit zu vermitteln, aber ich sehe in seinen Augen und meinem Herzschlag, dass wir beide wissen…

“Sie warten jetzt zwanzig Minuten hier, ich mache Ihre Bilder noch hübscher und dann gehen Sie wieder. Bezahlen Sie nichts, aber versprechen Sie mir, dass Sie bald wieder öfter hier sind, ja?” – “Das kann ich leider nicht.” sagt er und, nach einer Pause, “Ja, vielleicht.”

Ich arbeite, er begutachtet, mag, was er sieht, sucht Worte. “Bis ganz bald!” sage ich und er sagt “Ja, vielleicht. Und ich bin jetzt ganz erstaunt. Ja, vielleicht bis bald. Ein bisschen laufen kann ich ja wieder. Vielleicht bis bald. Vielleicht…”

(Ja, ich heule jetzt.)

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Ein "Du, ich mag dich!" zum Mitnehmen, bitte.

“Hier, guck mal, deins!” sagte meine Mutter und stellte mir scheppernd eine große Metallkiste vor die Nase. “Nürnberger Lebkuchen? MAMA!” fragte ich lachend, doch das Rascheln verriet einen anderen Inhalt. Die Kiste unter den Arm geklemmt ging ich in mein ehemaliges Kinderzimmer und ließ mich aufs Bett plumpsen. Und da sitze ich nun. In einem Berg von säuberlich gefalteten Minimalstzettelchen, parfümiertem Büttenpapier, herausgerissenen, zerknüllten Heftseiten und so liebevoll gestalteten Kunstwerken, dass die Bezeichnung “Brief” fast schon eine Beleidigung wäre. Begleitet von Gänsehaut, Ohjemine und einer Sturmflut an Erinnerungen. Briefe. Worte, die nachklingen, auch, wenn sie längst keiner mehr sagt. Zuneigung zum Festhalten. Und ein Stück Übrigbleiben, wenn einen das Leben längst an andere Küsten gespült hat. Manchmal habe ich ein klitzekleines bisschen Angst, dass wir in zehn Jahren vielleicht fast gar nichts mehr haben, was uns an uns erinnert. Ich muss mehr Briefe schreiben.