"Wenn ich denn dann noch da bin???!"

Der alte Mann ist so adrett gekleidet, denke ich, er sieht nett aus. Ich gehe nach vorne und wie er so neben mir steht, ist er tatsächlich noch ein bisschen kleiner als er von Weitem aussah. Er trägt so viel Leben auf den Schultern.

“Kann ich Ihnen helfen?”

“Ja, gucken Sie mal. Die Kamera ist neu und ich glaube, da ist so eine Karte drin und da sind Bilder drauf, die ich brauche und könnten Sie mir vielleicht…”

“Gerne! Geben Sie mal her. Wir gucken mal drauf.”

“Sehr freundlich. Aber bitte, erschrecken Sie nicht…”

Jedes Mal, wenn Menschen vorm Anschauen Ihrer Bilder “Aber bitte erschrecken Sie nicht!” sagen, sind Tote drauf. Immer. Und natürlich erschrecke ich doch jedes Mal.

Es ist… eigenartig. Bilder von Toten sind sehr, sehr merkwürdig und machen einen dicken Kloß im Hals. Nicht nur, weil Tote eben irgendwie sehr tot aussehen, sondern weil der übrig gebliebene Mensch neben einem steht und man in seinen Augen einen dunklen Fleck sieht. Einen dunklen Fleck aus Nichts, der da jetzt ist, weil plötzlich jemand fehlt.

“Wissen Sie, diese Frau war bis zum Ende fit im Kopf! Die hat alles gewusst! Alles aus den Nachrichten und was so passiert in der Welt! 98 Jahre alt war die, das muss unsereins ja erst einmal schaffen! 98 Jahre und man konnte mit ihr sogar noch über Politik reden und Kunst und alles, alles hat sie gewusst! Wissen Sie, ich bin 86 und ich glaube, ich schaffe es nicht so weit. Aber wenn, dann will ich auch so wissend alt werden!”

Er ist ein intelligenter Mann, und er ist mir sympathisch. Ich finde es niedlich, wie er mit 86 Jahren von “alt werden” spricht. Und er riecht nicht so, wie eben viele ältere Menschen riechen… er hat nicht diesen typischen Alte-Menschen-Geruch, ein bisschen nach staubigen Gardinen und Kreuzworträtseln. Er riecht nach gar nichts, nur ganz leicht nach Parfüm und ich finde das sehr angenehm. Es macht, dass es sich okay anfühlt, nachzufragen und sich ein bisschen länger zu unterhalten.

Er erzählt von früher, von guten Zeiten und Dingen, die sie zusammen erlebt haben. Von Zusammenlachen und Unsinn und seine Augen funkeln und ich denke “Der war mal ‘n Schwerenöter vor vielen, vielen Jahren!”.

Dann sagt er, ob es vielleicht möglich wäre, er brauche die Bilder heute noch und…

“Na klar! In einer Stunde sind die fertig! Also, bis gleich!”

“Das sagen Sie so! Wenn ich denn dann noch da bin…!”

“Na hören Sie mal!” sage ich und schmunzele.  

“Oh, wissen Sie, manchmal ist das so! Erst letztens hab ich mich mit einem verabredet. Wir wollten nach Köln fahren zusammen, wir hatten ja die Fahrkarten schon! Und wir haben noch telefoniert vorher. Und dann steh ich da am Bahnhof und dann kommt der nicht! Und ich dachte noch ‚Na, das wird der doch nicht vergessen haben, wir haben doch grad vorhin noch gesprochen!‘, dachte ich so. Aber auf dem Handy hat er auch nicht angerufen, ist doch gar nicht seine Art! Na, und dann bin ich eben wieder nach Hause gegangen und da war eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter von seiner Frau: ‚Du Heinz, der Gerhard der kommt nicht, der ist gerade gestorben. Herzinfarkt!‘, hat die gesagt. Das konnt’ ich erst gar nicht glauben. 56 Jahre war der erst alt. Und ganz gesund. Und einfach tot! Das versteh‘ ich manchmal einfach nicht! Wer weiß also, ob ich gleich wieder da bin…”

“Nein, ich verstehe das auch nicht. Ich glaube, das kann man auch gar nicht verstehen, wissen Sie? … Bis gleich!” sage ich. Und packe zehn Ausrufezeichen in den letzten Satz.

Bis gleich!!!!  Wenn ich denn dann noch da bin… das weiß man ja nie…

 

Heiter-bis-wolkig

 

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